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So helfen wir Flüchtlingskindern im Libanon

Die libanesischen Schulen können die vielen syrischen Flüchtlinge nicht mehr aufnehmen. Die Kindernothilfe hilft

Zeichnung eines syrischen Flüchtlingsjungen (Quelle: Ralf Guenther / BILD)

Vielleicht wäre es besser gewesen, Sawsan wäre nicht gleich zur Schule gegangen. Ein Platz auf der Warteliste, statt einer in der dritten Bank. In Syrien hatte die Zehnjährige die fünfte Klasse besucht, bis zu ihrer Flucht. Neben ein paar Habseligkeiten nahm Sawsan aber auch die Erinnerungen mit in den Libanon, Schreckensbilder aus dem Krieg – so stark, dass sie alles andere in Sawsan auslöschten: Sie kann nicht mehr lesen, nicht mehr schreiben, hat alles vergessen. „Es traf mich ins Herz“, sagt die Sozialtherapeutin Fayrousa Nasr, die sie betreut.

Sawsan wurde zurückversetzt in die zweite Klasse und müsste damit sogar noch glücklich sein: weil sie überhaupt eine Schülerin sein darf. Mehr als 500‘000 Flüchtlingskinder im Libanon können nicht zur Schule gehen, sie sind einfach zu viele. Die staatlichen Schulen haben den Raum nicht, das Personal nicht, das Wissen auch nicht, wie man mit traumatisierten Kindern umgeht. Schon fürchten die Vereinten Nationen, dass da eine bildungsferne, eine „verlorene“ Generation heranwächst.

Die Schule platzt aus allen Nähten

In der Grundschule Mazraa-Chouf im Bergdörfchen Boqaata haben sie zu ihren 220 libanesischen Schülern zuletzt 75 syrische aufgenommen. Der kleine, einstöckige Bau platzt aus allen Nähten, die Kindernothilfe half – mit einem Klo. Seit der Container auf dem Schulhof steht, gibt es wenigstens zwei Toiletten. In die Klassenzimmer haben sie Holzwände gezogen, links lernen die Erstklässler die englischen Jahreszeiten, rechts die Älteren französische Berufe.

Auch das ist ein Problem für die Flüchtlingskinder: Lehr - und Lernsprache ist im Libanon nur selten Arabisch. „Für uns sind alle Schüler gleich“, sagt zwar die Direktorin Karma Albaeeny. Aber das sind sie für die Kinder nicht. Wegen der sprachlichen Hürden werden viele Syrer zurückgestuft, sie sind dann die ältesten in der Klasse, zugleich aber die schwächsten.

Prügeleien auf dem Schulhof

„Die Einflüsse kommen auch von aussen“, klagt Albaeeny, viele libanesische Schüler hörten von ihren Eltern, die Flüchtlinge seien dumm. Es passiert deshalb oft, dass sich Syrer und Libanesen auf dem Schulhof verhauen, und nachmittags auf der Strasse geht es nicht viel besser.

Dabei bemühen sich die Schulen um Integration. „Bildung“, glaubt Najat Al Ghosaini, Direktorin der Baaqline-Schule ein paar Dörfer weiter, „ist das wenigste, was wir diesen Kindern geben können.“ An ihrer Schule haben sie jetzt eine Friedens-AG und eine für Englisch. Geld gibt es für beides nicht, die Lehrer machen das ehrenamtlich, und „wir brauchen Bücher“, sagt Al Ghosaini beinahe flehend, „mehr Bücher“. Die Kindernothilfe bezahlt oft bereits das Nötigste für die Kinder: das Schulgeld, Papier, Stifte, das vorgeschriebene blaue Kittelchen, das sie hier „Schuluniform“ nennen.

Lehrer brauchen Unterstützung

Dabei benötigen auch die Lehrer Unterstützung. „Sonst werden sie mit den traumatisierten Kindern nicht fertig“, sagt Sameer Abdul Samad, Leiter der Boqaata-Schule. Er hat jetzt „Demokratie“, „Toleranz“ und „Gleichberechtigung“ in den Lehrplan geschrieben; die Kindernothilfe bildet die Pädagogen weiter und schickt Therapeuten in den Unterricht. 

„Es gibt“, weiss die Psychologin Nadia Rabah, „einen schrecklichen Bedarf.“ Neulich erst behandelte sie zwei Sechsjährige, die in blinder Wut alles zerstörten. „Sie wussten nicht, dass man über Gefühle auch reden kann.“

Libanon: syrische Flüchtlingskinder im Schnee (Quelle: Stephen Davies/AMURT)

 

 

 

 

 

 

 

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