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Haiti im Dauerstress

Interview mit Marie Caridade Valcourt, nationale Koordinatorin der Kindernothilfe in Haiti

© Jürgen Schübelin / Selbsthilfegruppe auf dem Land in Haiti.jpg

In Lateinamerika brennt es lichterloh. Die Menschen auf dem Subkontinent erleben in diesen Monaten politische und soziale Explosionen, wie es sie in dieser Häufung seit den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts nicht mehr gegeben hat. In keinem lateinamerikanischen Land stellt sich die Lage dabei so katastrophal dar wie in Haiti - und hat gleichzeitig so wenig internationale Aufmerksamkeit. Marie Caridade Valcourt, nationale Koordinatorin der Kindernothilfe in Haiti, spricht im Interview mit Jürgen Schübelin/Kindernothilfe Deutschland über die aktuelle Lage.

In Haiti reissen seit mehr als zwei Monaten die heftigen Proteste gegen die Regierung von Präsident Jovenel Moïse nicht ab, bei denen es um die Anschuldigung geht, dass er, seine Leute und sein Vorgänger Martelli, Hunderte Millionen US-Dollar aus dem Petrocaribe-Hilfsfonds unterschlagen hätten. Haitianische Menschenrechtsorganisationen haben errechnet, dass seit Anfang September über 100 Personen bei Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei starben. Wie schaffen es die Menschen da überhaupt, irgendwie ihren Alltag zu hinzubekommen?

Caridade Valcourt: Das Organisieren des täglichen Überlebens ist die eigentliche Herausforderung! An etwas zu Essen zu kommen, irgendwoher Galonen mit Wasser zu beschaffen, mit der ständigen Angst fertig zu werden. Da die ganze Stadt voller Barrikaden ist, selbst Fussgänger beschossen und angegriffen werden, ist es extrem schwer, überhaupt von einem Ort zum anderen zu gelangen.

Die Menschen in Haiti haben in den zurückliegenden Jahren entsetzliche Katastrophen erlebt, das Erdbeben vom 12. Januar 2010 mit über 250’000 Toten, danach verheerende Hurrikans wie zuletzt "Matthew" Ende September 2016. Jedes Mal haben sich die Haitianerinnen und Haitianer gegen die Zerstörungen und die Hoffnungslosigkeit aufgebäumt. Was ist in dieser jetzigen Krise anders?

Valcourt: Das Erdbeben zerstörte vor zehn Jahren Teile der Hauptstadt und einige Städte in der Nachbarschaft. Und auch die Hurrikans verwüsteten immer nur einzelne Departments. Aber jetzt leidet das gesamte Land mit seinen mehr als 11 Millionen Menschen. Die Protestwelle hat alle Landesteile erfasst. Nirgends in Haiti funktionieren noch die Strukturen. Die Strassenverbindungen sind blockiert, eine angemessene Versorgung der Bevölkerung ist somit nicht möglich. Und die Menschen verfügen einfach über keine Ressourcen und keine Kraftreserven mehr.

Was ist dabei das grösste Problem?

Valcourt: Es ist der ständige Druck, der auf uns allen lastet, die Angst um unsere Kinder, die in fast allen Städten des Landes seit Wochen nicht mehr zur Schule gehen können, weil auf den Strassen gekämpft wird. Nichts kann geplant werden. Alle Leute warten jeden Tag nur auf die Augenblicke, in denen gerade nicht geschossen wird, um zum Supermarkt zu hetzen und zu versuchen, irgendetwas zu ergattern. Die Preise sind seit dem Beginn der Proteste explodiert, weil - wiegesagt - die Belieferung mit Nahrungsmitteln nicht mehr funktioniert.

© Jürgen Schübelin / Dieser kleine Dorfladen ist eines der Projekte einer haitianischen Frauen-Selbsthilfe-Gruppe in Artibonite.

Was macht dieser Dauerstress, unter dem die Erwachsenen stehen, mit den Kindern?

Valcourt: Wir sehen als Kindernothilfe-Haiti, dass Mädchen und Jungen in dieser Krise besonders exponiert und gefährdet sind. Unter den Todesopfern, die es Anfang September gab, befinden sich zahlreiche Jugendliche. Die völlig aus dem Ruder gelaufene Bandenkriminalität hat zu einer starken Zunahme von Gewalt geführt und stellt ein ständiges Risiko für Kinder und Jugendliche dar. Und natürlich passiert genau das, was immer in extremen Krisen geschieht: Weil die Erwachsenen zu Hause unter solchem Druck stehen, nimmt auch die Gewalt in den Familien zu.

Die UN haben im Oktober 2017 die umstrittene Stabilisierungs- und Friedensmission MINUSTAH beendet und nach 13 Jahren alle internationalen Einheiten aus Haiti abgezogen. Viele Beobachter sagen, dass dieser Rückzug die Unsicherheit im Land deutlich erhöht hat.

Valcourt: Das sehen wir auch so! Es zirkulieren grosse Mengen an Waffen im Land und es tauchen immer neue Gangs auf, die ganze Stadtteile unter ihre Kontrolle gebracht haben. Dazu kommen angebliche Polizisten in Phantasieuniformem, die daran beteiligt sind, die Menschen an den Strassenkontrollen und Barrikaden auszurauben. Mit dem Abzug der UN-Truppen haben das internationale Interesse und der Rest an Aufmerksamkeit für unser Land massiv abgenommen. Davon profitiert auch die Regierung von Jovenel Moïse, die glaubt, sich gegenüber Niemandem rechtfertigen zu müssen, weil das, was in Haiti geschieht, im Ausland einfach nicht wahrgenommen wird.

Das Programm der Frauen-Selbsthilfegruppen (SHG) ist inzwischen mit 6100 Frauen in 314 Gruppen und – konservativ gerechnet - mindestens 11.300 Kindern - das von seiner Reichweite her grösste Kindernothilfe-Projekt in Haiti. Wie ergeht es den SHG-Frauen in dieser Krise? Können sie irgendeinen Beitrag leisten?

Valcourt: Natürlich ist an ein normales Funktionieren der groupes d'entraides – wie wir in Haiti sagen – nicht zu denken! Es ist seit dem Beginn der Proteste nicht möglich, dass die Frauen nach Port-au-Prince oder in eine der anderen grösseren Städte kommen könnten, um irgendetwas einzukaufen, was sie dann hinterher vor Ort weiterverkaufen. Es gibt derzeit im Land keine funktionierenden Märkte und auch keine Transportmittel. Deshalb haben viele der Gruppen ihre Strategie geändert und versuchen, Dinge des täglichen Bedarfs anzubieten und zu produzieren, die sie entweder selbst herstellen oder zu denen sie die Rohstoffe in der unmittelbaren Nachbarschaft beschaffen können.

Und wie sieht es mit den wöchentlichen Treffen der Frauen-Selbsthilfe-Gruppen aus? Können die stattfinden?

Valcourt: Die Frauen stehen in intensivem Austausch untereinander. Sie versuchen, sich gegenseitig so gut zu unterstützen, wie es irgendwie geht. Aber eines der Probleme besteht derzeit darin, dass ja mit Bargeld gearbeitet wird. Bei den Frauen herrscht grosse Angst, überfallen und bestohlen zu werden. Zum Glück funktionieren in abgelegenen ländlichen Gebieten zumindest zum Teil die Schulen noch, das heisst, SHG-Gruppen, die dort im Zusammenhang mit Schulspeisungsprojekten arbeiten, sind weiterhin aktiv. Und die anderen versuchen, sich so unauffällig - wie irgend möglich – weiter zu treffen.

Ist es nicht gerade jetzt ganz wichtig, dass über die SHGs in Haiti Grassroots-Netzwerke entstanden sind, die es den Frauen ermöglichen, der Gewalt um sie herum etwas entgegen zu setzen?

Valcourt: Doch, genau darum geht es! Die groupes d'entraides schaffen einen Raum für Frauen, um aktiv zu bleiben, sich zu engagieren, sich aus dem Haus zu wagen, miteinander zu sprechen, der Angst gemeinsam entgegen zu treten. Denn die Wut an den brennenden Barrikaden, die Kämpfe mit der Polizei, die Gewalt der bewaffneten Gangs, das Alles geht in Haiti meistens von jungen Männern aus. In den SHGs hingegen sehen Frauen für sich eine Perspektive: Hier sind sie nicht die Opfer, sondern haben für sich und ihre Kinder einen Weg gefunden, diesem Wahnsinn etwas entgegen zu setzen.