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Die Welt bleibt ein „gewalttätiger, hochdiskriminierender Ort“ für Mädchen und Frauen

25 Jahre Fortschritt

25 Jahre nach der historischen Pekinger Frauenkonferenz in China - einem Meilenstein in der Gleichberechtigungbewegung - ist Gewalt gegen Frauen und Mädchen nicht nur nach wie vor verbreitet, sondern auch weithin akzeptiert, wie der aktuelle UN-Bericht "Eine neue Ära für Mädchen: Bestandsaufnahme über 25 Jahre Fortschritt" enthüllt.

Obwohl bemerkenswerte Fortschritte für Mädchen hinsichtlich Bildung erzielt wurden, blieb es lediglich bei wenig erfolgreichen Versuchen, ein gleichberechtigteres und weniger gewalttätiges Umfeld für sie zu schaffen.

"Vor 25 Jahren haben sich die Regierungen der Welt den Frauen und Mädchen verpflichtet, aber dieses Versprechen nur teilweise eingelöst."  UNICEF-Exekutivdirektorin Henrietta Fore

Der Bericht streicht heraus, dass 2016 Frauen und Mädchen 70 Prozent der weltweit identifizierten Opfer von Menschenhandel ausmachten. Sie waren auch die Hauptbetroffenen von sexueller Ausbeutung: eines von 20 Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren hat in ihrem Leben Vergewaltigungen erleben müssen. "Während die Welt den politischen Willen aufgebracht hat, viele Mädchen zur Schule zu schicken, ist es weithin lediglich ein guter Vorsatz geblieben, sie mit den Fähigkeiten und der Unterstützung auszustatten, die sie brauchen, um nicht nur ihr eigenes Schicksal zu gestalten, sondern auch in Sicherheit und Würde zu leben", formulierte es die UNICEF-Chefin.

 

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"Nicht eine (Frau) weniger" des argentinischen Comiczeichners Liniers spiegelt eines der wichtgsten Anliegen des diesjährigen Weltfrauentags am 8. März wider: Das überfällige, dringend notwendige weltweite Engagement gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen! (Lea Huber frei nach Liniers)

 

Frauen und Mädchen in Lateinamerika sind besonders gefährdet

Seit der Jahrtausendwende ist gerade in Lateinamerika die Zahl von Feminiziden, Morden und Tötungsdelikten an Frauen und Mädchen massiv gestiegen. Die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) hat errechnet, dass sich 14 der 25 Länder mit den weltweit höchsten Fallzahlen genderspezifischer Gewalt in Lateinamerika befinden. Die Länder in der Region mit den meisten Frauenmorden sind Brasilien und Mexiko, in Proportion zur Einwohnerzahl führen jedoch El Salvador, Honduras, Guatemala und Bolivien diese traurige Statistik an. Jeden Tag mehr als zwölf Frauen in Lateinamerika getötet, weil sie Frauen sind (UN Women 2017). Die meisten dieser Gewaltverbrechen ereignen sich im familiären Umfeld. Eine der Ursachen für diese extremste Manifestation männlicher Gewalt gegen Frauen sehen lateinamerikanische Sozialwissenschaftlerinnen u.a. in der Deformation männlicher Rollen- und Gesellschaftsbilder durch den Machismo brandbeschleunigt und verstärkt "durch die explizite und implizite Gewalt, die von dem neoliberalen System ausgeht" (Doris Gonzales, zit. in Deutschlandfunk - 21.06.2017).

 

Fehlende Gleichberechtigung

"Eine neue Ära für Mädchen" wurde im Rahmen der Kampagne zur Generationengleichberechtigung veröffentlicht, um einen weltweiten Dialog über Massnahmen und Verantwortlichkeiten hinsichtlich Geschlechtergleichstellung zu eröffnen und den 25. Jahrestag der Beijing Declaration und Aktionsplattform zu feiern. "Seit in Peking 1995 zum ersten Mal ein besonderer Schwerpunkt auf "Mädchen"-Probleme gelegt wurde, haben wir zunehmend gehört, dass Mädchen ihre Rechte geltend machen und uns zur Rechenschaft ziehen", so Phumzile Mlambo-Ngcuka, Exekutivdirektorin der UN-Frauen. "Aber die Welt hat ihre Erwartungen an einen verantwortungsvollen Umgang mit unserem Planeten, ein Leben ohne Gewalt und ihre Hoffnungen auf wirtschaftliche Unabhängigkeit nicht erfüllt." Mädchen sind heute einem alarmierenden Risiko von Gewalt in der Schule, zuhause und ihrem Umfeld sowie online ausgesetzt, was zu physischen, psychischen und sozialen Konsequenzen führt. "Eine neue Ära für Mädchen" befasst sich auch mit kinderrechtsverletzenden Praktiken wie Kinderehe und weiblicher Genitalverstümmelung (FGM), die in das Leben von Millionen von Mädchen auf der ganzen Welt erschüttern und ihre Möglichkeiten nachhaltig vereiteln. So werden jedes Jahr etwa 12 Millionen Mädchen verheiratet, rund 4 Millionen fallen FGM zum Opfer und für viele von ihnen ist das Schlagen von Frauen so legitim wie für ihre männlichen Altersgenossen. "Solange Frauen und Mädchen dreimal mehr Zeit und Energie im Haushalt aufwenden müssen als Männer, bleibt die Chancengleichheit für Mädchen auf einen guten Job in einem sicheren Arbeitsumfeld unerreichbar.", so die UNO-Frauenchefin. "Zum Wohle aller muss sich das ändern! Und wir müssen sicherstellen, dass die Fähigkeiten, die Mädchen erlernen, für die neuen technischen und digitalen Jobs der Zukunft geeignet sind, und dass die Gewalt gegen sie endet."

Schulmädchen in Äthiopien

 

 

79 Millionen Mädchen mehr in der Schule

Dem Bericht zufolge ist die Zahl der Mädchen ohne Zugang zu Schulbildung in den letzten 20 Jahren um 79 Millionen gesunken. Ausserdem haben in den letzten zehn Jahren wahrscheinlich mehr Mädchen als Buben eine weiterführende Schule besucht.

Im Gegenzug dazu sind negative Trends für Mädchen im Bereich Ernährung und Gesundheit zu verzeichnen. Die voranschreitende Globalisierung ersetzt die traditionelle Ernährung zunehmend durch prozessierte, ungesunde Lebensmittel sowie zuckerhaltige Getränke, und aggressive Marketingtechniken, die auf Kinder abzielen, heizen den Konsum zusätzlich an. "Der Zugang zu Bildung alleine reicht nicht aus", sagte die UNICEF-Chefin und fügte hinzu, "wir müssen auch das Verhalten und die Einstellung der Menschen gegenüber Mädchen ändern." Indes wird der schlechten psychischen Verfassung, verschärft durch den übermässigen Einsatz digitaler Technologien, verstärkt Bedeutung beigemessen. "Eine neue Ära für Mädchen" identifiziert Selbstmord derzeit als zweithäufigste Todesursache bei jugendlichen Mädchen. In Bezug auf das erhöhte Risiko sexuell übertragbarer Infektionen stellt der Bericht fest, dass heute etwa 970.000 jugendliche Mädchen im Alter zwischen 10 und 19 Jahren mit HIV leben - dies entspricht etwa drei von vier Neuinfektionen bei Jugendlichen weltweit - im Vergleich zu 740.000 Mädchen im Jahr 1995.

"Wahre Gleichberechtigung wird nur dann erreicht werden, wenn alle Mädchen vor Gewalt geschützt sind, ihre Rechte frei ausüben können und Chancengleichheit im Leben geniessen können." UNICEF-Exekutivdirektorin Henrietta Fore

 

Autor: Kindernothilfe / Originalbericht: UN News