Kindernothilfe Schweiz

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Haiti 10 Jahre nach dem Beben

„Die Schulen stehen, aber wir brauchen endlich einen funktionierenden Staat“

Am 12. Januar 2010 bebte im Südosten Haitis die Erde so verheerend, dass sich der Karibikstaat bis heute nicht davon erholt hat. Mehr als 230’000 Menschen verloren ihr Leben, unzählige erlitten Verletzungen und rund zwei Millionen wurden obdachlos. Die Solidarität und Spendenbereitschaft für Haiti war überwältigend. Doch die Probleme des ärmsten Staats der westlichen Hemisphäre verschärften sich nach dem Beben. "Wir brauchen dringend einen funktionierenden, engagierten Staat, gute öffentliche Krankenhäuser, mehr Schulen und endlich ausreichend Mittel für Bildungsinvestitionen", fordert der Leiter des Kindernothilfebüros in Haiti, Pierre-Hugue Augustin.

Nur so liesse sich die extreme Armut in Haiti überwinden. Die Realität sieht aktuell anders aus. Brennende Strassenbarrikaden, Schiessereien, Raubüberfälle. Port-au-Prince gleicht einem Kriegsschauplatz. Das Versagen des Staats gefährdet das Leben unzähliger Kinder in Haiti. Mit grössten Anstrengungen haben die Kindernothilfepartner ihre Arbeit fortgesetzt und – wo es geht – Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche geschaffen. Die nachhaltige Strategie, auf die die Kindernothilfe schon während des Wiederaufbaus gesetzt hat, zahlt sich jetzt aus.

Augustin zieht trotz der politischen Widrigkeiten eine positive Bilanz der vergangenen zehn Jahre. "Es ist uns gelungen, neun zerstörte Schulen, teilweise unter schwierigsten Bedingungen, wieder aufzubauen und zusätzlich vier neue Bildungszentren zu errichten." An allen Vorhaben waren und sind Kinder, Eltern und Nachbarn intensiv beteiligt. Ausserdem wurden bis heute 314 Selbsthilfegruppen mit 6’097 Frauen gegründet. In diesen Graswurzel-Netzwerken lernen Frauen, wie sie sich selbstständig aus der Armut herausarbeiten können. Sie werden auch darin geschult, wie sie soziale Probleme lösen und politisch aktiv werden können. In der aktuellen Krise schaffen diese Gruppen einen Raum für die Frauen, um sich zu engagieren und sich gegenseitig zu unterstützen.

Die Kindernothilfe ist seit mehr als 45 Jahren in Haiti aktiv und war direkt nach dem Beben zur Stelle: Mitarbeiter der lokalen Partnerorganisationen leisteten medizinische Unterstützung, verteilten Nahrungsmittel und klärten über lebenswichtige Hygienemassnahmen auf. Mit 16 Kinderzentren, die sich geographisch auf weite Teile des Katastrophengebietes erstreckten, schuf das Hilfswerk Anlaufstellen für Tausende Mädchen und Jungen.

Erster Schultag College Verena

Bilanz der Kindernothilfe-Arbeit nach dem Erdbeben

Zum Schluss eine knappe Bilanz in Zahlen: Das Kindernothilfe-Engagement nach der Erdbebenkatastrophe vom 12. Januar 2010 in Haiti war der bislang grösste humanitäre Einsatz in der Kindernothilfe-Geschichte. Von den zur Verfügung stehenden 17,9 Millionen Euro aus Spenden und Unterstützungsleistungen durch Kindernothilfe-Kooperationspartner flossen 14,2 Millionen in den Wiederauf- bzw. Neubau von insgesamt 13 Schulen in der Region um Port-au-Prince sowie in das Lehrerfortbildungs- und den Aufbau des Selbsthilfegruppen-Programms. 3,7 Millionen Euro hatte die Kindernothilfe während der unmittelbaren Nothilfe-Phase nach der Katastrophe für Hilfsgüter, das Child-friendly-Space- sowie das Notschulprogramm, durch das Mitte 2010 über 26.000 Kinder erreicht werden konnten, aufgewendet.

Offiziell abgeschlossen werden konnte die Wiederaufbauphase Frühjahr 2016 mit der Fertigstellung des Sekundar- und Berufsschultraktes des Collège Verena in Delmás. Ermöglicht haben all das Zehntausende von Einzelspenderinnen und -spendern, Stiftungen, Institutionen und Unternehmenspartner der Kindernothilfe in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg in einem atemberaubenden Kraftakt, für den wir bis heute unendlich dankbar sind.