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Neues Gesetz zur Kinderarbeit in Bolivien

Kinder in Bolivien dürfen ab zehn Jahren arbeiten – zwar nur unter gewissen Umständen, aber dann mit gesetzlicher Erlaubnis. Das entschied das dortige Parlament im vergangenen Jahr. Kinderrechtsexperten und die internationale Arbeitsorganisation (ILO) laufen Sturm gegen das Kinder- und Jugendgesetz, andere, vor allem die Kinder selbst, begrüssen die Entwicklung.

Fachgespräch Bolivien 2015, Foto: Niklas AlofzoomPodiumsdiskussion mit zwei Kinderarbeitern aus Bolivien und Paraguay


Im Gespräch mit Jürgen Schübelin, Leiter des Kindernothilfe-Referats für Lateinamerika, erläutern zwei Jugendliche aus der Lateinamerikanischen Bewegung Arbeitender Kinder (MOLACNATs) ihre Position. Sie besuchten mit Unterstützung der Kindernothilfe unter anderem das Europäische Parlament und die EU-Kommission in Brüssel, um ihre Sicht auf das Gesetz zu erläutern. 

Warum ist es aus eurer Sicht notwendig, dass Kinder arbeiten dürfen? Wäre es nicht wichtiger, für das Recht aller Kinder, zur Schule gehen zu können, zu kämpfen?

Lourdes Sánchez: In vielen Fällen können Kinder in Lateinamerika eben nur deshalb zur Schule gehen, weil sie nebenbei, tagsüber oder abends, an den Wochenenden und in den Ferien, arbeiten. Nur so bekommen die Familien das Schulgeld, die Mittel für die Schuluniformen und die Unterrichtsmaterialien zusammen. Kinderarbeit, die Mädchen und Jungen daran hindert, am Unterricht teilzunehmen, lehnen wir ganz entschieden ab.

Juan Pablino Insfran: Es ist ganz wichtig, dass sich Schulen und Lehrer besser auf die Bedürfnisse von arbeitenden Kindern einstellen. Wir brauchen Unterrichtszeiten, die es ermöglichen, Schule und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Und es ist wichtig, dass in der Schule die Lebensleistung und die Erfahrung von Kindern und Jugendlichen, die arbeiten müssen, wertgeschätzt werden. Da fehlt in Lateinamerika noch ganz viel.

Was ändert sich konkret durch das Gesetz, und welche Auswirkungen hat es auf arbeitende Kinder?

Lourdes: Zum allerersten Mal überhaupt übernimmt der Staat Verantwortung gegenüber Kindern, die arbeiten müssen: nicht einfach, indem er Kinderarbeit verbietet, sondern indem er klare Bedingungen setzt, Institutionen beauftragt, sich um die Belange der arbeitenden Kinder zu kümmern. Er sagt auch klipp und klar, was überhaupt nicht geht, nämlich Kinder auszubeuten oder für Arbeiten einzusetzen, die ihre Gesundheit, ihre Würde und ihr Recht auf Bildung verletzen. Ich finde zum Beispiel ganz wichtig, dass das Gesetz bestimmt, dass nach 22 Uhr kein Kind oder Jugendlicher mehr arbeiten darf. Dass für Mädchen und Jungen ab 14 Jahren der gesetzliche Mindestlohn bezahlt werden muss, ist ebenfalls neu und ein Fortschritt.

Halten sich die Arbeitgeber an dieses Gesetz?

Lourdes: Das müssen wir erst noch sehen. Das Gesetz wurde zwar im Juli letzten Jahres verabschiedet, aber erst seit Kurzem gibt es jetzt auch die Ausführungsbestimmungen. Wir werden vermutlich erst in einigen Jahren sagen können, ob unsere Erwartungen wirklich erfüllt wurden. Es kommt jetzt darauf an, dass die Kinder- und Jugendämter bei den Kommunalverwaltungen, die ja bei der Umsetzung des Gesetzes und als Ansprechstellen für arbeitende Kinder eine ganz wichtige Rolle spielen, ganz schnell mit ausreichend Geld ausgestattet werden, um funktionieren zu können, und dass die Mitarbeiter dort für diese Aufgabe wirklich ausgebildet werden. Wir alle wissen, dass wir weiter für unsere Rechte kämpfen müssen und dass uns nichts geschenkt wird.

Juan Pablino: Uns gefällt, dass in Bolivien der Staat nicht länger die Augen vor der Realität der arbeitenden Kinder und Jugendlichen verschliesst, sondern mit diesem Gesetz auch zugibt, dass es wegen der Armut und den extrem ungleichen Chancen auf unserem Kontinent noch viele Jahre dauern wird, bis Kinder nicht mehr zum Familienunterhalt beitragen müssen. Aber das Gesetz erkennt endlich auch die Leistung und den Beitrag der arbeitenden Kinder und Jugendlichen an und bringt ihnen Wertschätzung entgegen. Das haben wir so zuvor noch nirgendwo erlebt.

Es kommt nicht so oft vor, dass Regierungsmitglieder, sogar der bolivianische Präsident, direkt mit Kindern und Jugendlichen über den Inhalt eines Gesetzes verhandeln. Hattet ihr das Gefühl, ernst genommen zu werden?

Lourdes: Ehe es überhaupt zu Gesprächen kam, haben wir uns monatelang vergeblich zu Wort gemeldet, sind immer wieder umsonst nach Cochabamba und La Paz gefahren, ohne angehört zu werden. Schliesslich sind wir auf die Strasse gegangen, haben Demos organisiert. Dabei ist die Polizei auf uns losgegangen. Das war richtig heftig. Erst zum Schluss konnten wir dann doch noch unsere Argumente vortragen – und erlebten, dass unsere Forderungen aufgegriffen wurden. Wir wollten von Anfang an, dass uns der Staat vor Ausbeutung und gefährlicher Arbeit schützt, aber auch den Rahmen setzt, um durch unsere Arbeit unsere Familien unterstützen zu können.

Experten kritisieren, dass durch das Gesetz die ILO-Konvention 182 über die „schlimmsten Formen der Kinderarbeit“ aufgeweicht und ein missverständliches politisches Signal gesetzt wird.

Juan Pablino: In meiner Heimat Paraguay müssen arbeitende Kinder oft Schmiergelder an Polizisten bezahlen, um beispielsweise als Schuhputzer oder Lastenträger auf dem Markt in Ruhe gelassen zu werden. Das war früher auch in Bolivien so – und wir kennen das auch aus anderen lateinamerikanischen Ländern, in denen Kinderarbeit offiziell verboten ist. Ist das etwa ok? Wir erwarten von der ILO, dass sie uns erst einmal zuhört. Danach soll sie mit all ihrer Erfahrung und ihrem Fachwissen mithelfen, die im Gesetz festgelegten Schutzregeln für Kinder umzusetzen, zu verbessern und nachzuhalten. Und wir brauchen auch in anderen lateinamerikanischen Ländern ein Umdenken bei den politisch Verantwortlichen: Wir wollen Schutz vor Ausbeutung, Unterstützung beim Einfordern unseres Rechts auf Bildung – und Anerkennung für das, was wir leisten.