Kindernothilfe Schweiz

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Ein Ort zum Lachen und zum Weinen für die Flüchtlingskinder

Die Syrer, die sich in die libanesischen Berge retten, werden immer mehr, und ihre Not wächst. Die Kindernothilfe sorgt für Therapien, Bildung und einen Platz zum Spielen.

Kfarnabrak: Syrische Kinder weinen leise. Lautlos laufen ihre Tränen aus grossen Augen, die kleinen Körper beben unter schweigenden Schluchzern. Gerade sitzt wieder ein kleiner Junge auf der Treppenstufe zum Kinderschutzzentrum von Kfarnabrak, Libanon, sein Gesicht ist nass, die Lippen bleiben stumm. Er spielt nicht mit, er singt schon gar nicht, er ist erst sechs. „Es sind die Eltern“, erklärt die Therapeutin Fayrousa Nasr später: „Sie sagen ihren Kindern, sie sollen nicht weinen.“

Libanon - Foto: Jakob StudnarzoomMit einem Bus werden die Mädchen und Jungen ins Kinderschutzentrum gebracht. Foto: J. Studnar

Dabei gibt es so viel Grund zum Weinen für die Flüchtlingskinder. Die aus dem Bürgerkrieg in der Heimat über die Grenze gekommen sind, die Geschichten von Tod und Verderben mitgebracht haben – und zugleich so viel verloren. Und es hört ja nicht auf, sagt Fayrousa Nasr: „Man weiss nie, welche Nachrichten sie kriegen von daheim.“ Safaa will nichts mehr hören von daheim und schon gar nichts mehr erzählen. Die Fünfjährige, die selbst nicht einmal weiss, wie alt sie ist, könnte jetzt malen. Sie lassen alle Kinder malen im

Kinderschutzzentrum der Kindernothilfe, viele mögen verstummt sein, aber sie sprechen aufs Papier. Sie haben also auch Safaa einen Stift gegeben und ein rosa Blatt, sie hat so etwas schon lange nicht mehr gesehen. Aber sie kann nicht. Sie schaut rechts, sie guckt links, in ihre Stirn gräbt sich eine tiefe Falte – und dann radiert sie, radiert und radiert, was sie gar nicht gezeichnet hat, bis das Blatt zerknittert ist und grau und das Gummi am anderen Ende des Bleistifts weg.

Bilder von Blut und Waffen

In Safaas Kopf sind keine schönen Bilder, nur solche, die sie vergessen will, ausradieren aus ihrem Gedächtnis. Das ist bei den meisten Kindern so, ihre Therapeutinnen sammeln die Zeichnungen in dicken Mappen. Wenn sie nämlich endlich malen, dann in aggressiven Farben, Schwarz, Violett, Dunkelrot, die am Ende des Papiers nicht aufhören wollen. Männchen haben auf diesen Bildern keine Arme mehr, und falls doch, dann tragen sie Waffen. Der Junge neben Safaa malt eine Sonne – und ein Schwert.

Libanon - Foto: Jakob Studnar

Jemand erinnert die Kinder an das Lied, das sie eben noch sangen. Arabische Kinderlieder klingen fast überall im Nahen Osten gleich, dieses handelte von Vögeln in der Luft. Aber wenn dieselben Kinder Vögel malen, dann sind sie rot wie Blut. Und Feuer, Feuer ist immer gelb oder grün vom Gift, das mit den Bomben vom Himmel fällt.

Safaa nimmt irgendwann ein Lineal, gerade Linien geben Halt, aber die Figuren im Haus, das sie endlich zeichnet, hängen hilflos in der Luft. Ihr Dorf in Syrien, wird ihre Mutter Aisha später erzählen, ist komplett zerstört, und Safaa sah es fallen. Sah die Soldaten, die auf die Kinder schossen, sah Nachbarn sterben, musste selbst davonrennen vor den Bomben auf ihren kurzen Beinen. Safaa, sagt die Mutter, träumt davon, sie wird dann schweissnass wach: „Die Soldaten fangen mich!“

Niemand konnte etwas mitnehmen

„Was macht ihr am liebsten?“, fragt eine junge Lehrerin die neuen Kinder an ihrem zweiten Tag in „Al Mahaba“. Sie trägt wie alle Kolleginnen ein rotes T-Shirt, rot wie die Liebe, nicht wie Blut. „Ball spielen“, sagen die Kinder, weil andere vor ihnen das auch schon gesagt haben. Oder: „Fahrrad fahren.“ Dabei haben diese Kinder beides nicht: keinen Ball und kein Rad. Niemand hat irgendetwas mitgenommen von zuhause, nicht einmal Fotos. Nur Erinnerungen.

Im Kinderschutzzentrum lernen sie, darüber zu sprechen, sich das Unheil von der Seele zu reden. Sie lernen aber auch zu lernen: Viele konnten schon Jahre keinen Unterricht mehr besuchen. So grosse Fortschritte machen sie nun, so sehr verändern sie sich, dass Therapeutin Fayrousa Nasr den Unterschied selbst „unglaublich“ findet. Viele der Kinder, die vor einem Jahr verstört zu ihr kamen, gehen heute in die Schule. Ein Mädchen hat sich erst neulich über die Sportstunde beschwert: „Ich will nicht turnen. Ich will Wörter lernen!“

Libanon - Foto: Jakob StudnarzoomDie 5-jährige Safaa (rechts im Bild) hat Albträume. Foto: J. Studnar

Eines aber hat sich seit dem ersten Besuch in Kfarnabrak verändert: Die Not der Flüchtlingsfamilien ist noch grösser geworden. Es gibt fast keine Arbeit mehr im Libanon, und die Hilfe der Vereinten Nationen versiegt. Safaa isst deshalb heute ihr Mittagessen nicht. Stocksteif sitzt die Fünfjährige da, hält das gerollte Fladenbrot fest unter den dünnen Ärmchen versteckt, als fürchte sie, man würde es ihr wieder wegnehmen. „Meine Brüder haben auch Hunger“, erklärt sie scheu. Die Köchin steckt ihr ein weiteres Gemüseröllchen zu.

Angst und Aggressionen

Andere Kinder macht die Situation wütend. „Wir haben mehr Probleme“, sagt Fayrousa Nasr, „mit aggressiven und hyperaktiven Kindern.“ Viele sind jetzt schon mehrere Jahre im Land, die Eltern haben keine Hoffnung und ihre Kinder längst kein Heimweh mehr. Dafür haben sie jetzt Angst, dass sie irgendwann doch zurückmüssen nach Syrien, das sie bald nur noch aus schrecklichen Fernsehbildern kennen.

„Die meisten werden hier bleiben“, bestätigt Nadia Rabah, die für die Kindernothilfe die Arbeit mit den Kindern und Familien koordiniert. 14 000 Menschen erreichen sie inzwischen mit ihrer aufsuchenden Sozialarbeit. „Wir helfen ihnen – und uns damit auch. Wir müssen mit ihnen leben. Sie müssen sich anpassen, und wir müssen sie annehmen.“

Von Annika Fischer, WAZ-Reporterin

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